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Der Wehrwolf
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Hinz Nein, Kunz! dem Kerl komm’ ich nicht mehr! Der brummte wie ein Zeiselbär! Die Augen glühten ihm so gierig! Und seine Klauen waren schmierig, und scharf und krumm, wie Katzenklaun! Beißriemen hingen da von Leder! Auch kaut’ er eine Gänsefeder! Der Racker ist ein Wehrwolf! Kunz     Traun! Beißriemen nicht, Schmachtriemen sind’s, Die ihn zum Wehrwolf machen, Hinz. Auch frißt er Gäns’ und Schafe bloß; Den tapfern Stier, das edle Roß, Die läßt sein Grimm wohl ungehudelt, Da hat der Schnarcher oft gepudelt. Ein Silberkugelschuß auf’s Fell, Ein Kreuzdorn auch, entwolft ihn schnell. Denn kurz, das ist ein Kerl, der Bücherurtheil sudelt.
Johann Heinrich Voß. Erstdruck in: Poetische Blumenlese für das Jahr 1776. Hg. von J. H. Voß. Lauenburg: Berenberg [1775], S. 62f.  Vgl. die Handschrift in Vossens Bundesbuch, S. 156 (Paul Kahl: Das Bundesbuch des Göttinger Hains. Tübingen 2006, S. 253, vgl. ebd., S. 528).
Wehrwolf: Werwolf (von althochdt. wer = Mann), ein Mann, der sich in einen Wolf verwandeln kann. Zeiselbär: Tanzbär, nach Adelung „der zahme Bär, welchen man zur Schau herum zu führen pflegt. So sagt man z. B. von einem mürrischen Menschen, er brumme wie ein Zeiselbär.“ (Johann Christoph Adelung: Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. 2. Aufl. Leipzig 1793-1801. Bd. 4, Sp. 1674.) Schmachtriemen: Hungergürtel, „ein breiter lederner Riemen der Fuhrleute, Reiter u. s. f. den Unterleib damit zu gürten, wenn er leer ist, damit er auf dem Pferde nicht so erschüttert werde.“ Ebd., Bd. 3, Sp. 1552. Voß selbst fügte im Musenalmanach als Anmerkung zu dieser Zeile hinzu: „Mit Beißriemen macht man sich zum Wehrwolf, und mit Schmachtriemen schnürt man sich den Hunger aus dem Magen.“